Freitag, 11. Juni 2010

Grotesk

Wie kommt es eigentlich, dass man sich heutzutage offensichtlich in der Politik mit grotesken Vorstellungen so schnell arrangiert? Weil es fast täglich so viele neue davon gibt?

Die groteske Vorstellung, die mich im Moment bewegt, ist die, dass 32 Tage nach der Landtagswahl in NRW fest davon auszugehen ist, dass das Schulwesen gründlich umgestaltet werden wird, dass man aber bestenfalls im Trend sagen kann, wie es verändert werden wird.

Das liegt nun daran, dass sich die Motorik der Veränderung nicht aus der Pädagogik oder der Schule selbst speist, sondern aus der Ideologie in Parteiprogrammen. Und da aufgrund der - wohl noch eine Weile andauernden - (Koalitions-)Verhandlungen der Parteien noch gar nicht abzusehen ist, wer mit wem regieren wird, kann man auch nicht sagen, wie die Schulen sich in den kommenden Monaten und Jahren verändern werden. Nur, dass sie sich verändern werden, davon ist angesichts des Wahlergebnisses auszugehen.

Jeder halbwegs geradeaus denkende Mensch wird nun aber nicht bestreiten können, dass die Effektivität von Schule - also der Ertrag an Bildung, Erziehung, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Einstellungen, Werthaltungen, Fundament für ein Weiterlernen, etc. – verschieden sein wird, bezogen auf die jeweilige Struktur des Schul- bzw. Bildungswesens.

Schule, Eltern, Lehrer, Wirtschaft, Öffentlichkeit – eben alle, da letztlich alle abhängig sind von der Schulqualität – müssen sich also demgemäß überraschen lassen, was für ein Konzept von Schule denn am Ende der laufenden Verhandlungen – als Teil des üblichen Bündels von Koalitionskompromissen - herauskommen wird. Wessen Ideologie wird den Löwenanteil ausmachen, wer darf bremsen, wer noch beschleunigen? Was wird übrig bleiben von Schulformen, die auch im internationalen Vergleich ihre Qualität bewiesen haben? In welche Richtung werden sich die Schulformen verändern, die mit strukturellen, inhaltlichen und sozialen Problemen zu kämpfen hatten?

Wie gesagt, man sollte erwarten dürfen, dass die Antworten in ruhigen Zeiten aus der Schultheorie und Schulpraxis kommen; so wird es aber nicht sein: Sie werden nach hektischem Wahlkampf und Koalitionsgerangel aus der Politik und den darin herrschenden Ideologien kommen.
Einer der ideologischen Kernsätze ist - in der prozesshaft taktierenden Formulierung -: „Länger gemeinsam lernen“, bzw. -in der offeneren und zielgerichteten Formulierung -: „Eine Schule für alle.“

Die Bedeutung und das Gewicht, die diese Forderungen in diesem NRW-Wahlkampf bekommen haben, resultieren m.E. aus der Tatsache, dass kaum noch Felder der Politik auf der nationalen Ebene, gar der von einzelnen Bundesländern, entscheidend gesteuert oder entschieden werden können, sondern - der Globalisierung geschuldet – in weiteren Bögen und Geflechten gesehen werden müssen. Einfacher gesagt: Gewerkschaften und Parteien können ihre Ideologien - besonders im Bereich der Wirtschaft – kaum noch umsetzen, längst sind international andere Machtzentren bestimmender geworden. Muss ich Opel bzw. GM als Beispiel erwähnen?
Daher fokussiert sich die verbliebene Hoffnung ideologischer Umgestaltung leider so stark auf Schule, wie wir das zur Zeit erleben: Schulstruktur als Inhalt einer derzeit noch verschlossenen Wundertüte aus der Serie: „Für alle das Gleiche.“

Zu diesem Thema zitiere ich neuerdings gerne ein Kind aus meiner Verwandtschaft, neun Jahre alt und kein Überflieger. Er lernt Gitarre in einer Gruppe Gleichaltriger. Neulich sagte er traurig: "Wir kommen nicht voran, weil die Doofköppe nicht üben."

Treffender kann man es nicht formulieren, warum der so eingängige Satz vom Gleichen für alle so teuflisch falsch ist.

Zeigt nicht der Alltag in all seinen Facetten und die Erfahrung unserer abendländischen Historie, dass einem Individuum am besten geholfen werden kann, wenn man das auf dem ihm angemessenen Niveau tut? Förderung im grundsätzlich Einfachen und Förderung im besonderen Detail etwa, lassen sich nun mal nicht gleichzeitig und für alle hinreichend effektiv zur gleichen Zeit leisten. Und eine Schulklasse, in der alle Niveaus vertreten sind, bedarf einer noch weitaus differenzierteren Zuwendung und Förderung.
Ich fürchte, viele Kinder und Jugendliche werden – nach der Umgestaltung des Schulwesens nach Art der Gleichmacherei – traurig feststellen: Es geht zu schnell, oder: Es geht zu langsam. Selten: Es geht auf Dauer genau nach dem gerade für mich richtigen Tempo.
Und wenn das Auflösen der Differenzierung im Schulwesen die von mir befürchteten Folgen eines gravierenden Qualitätsverlustes für alle haben wird, dann wird sich die Traurigkeit fortsetzen, wenn Qualifiziertere den Job bekommen und man selbst ein Bündel Ablehnungen in Händen hält.

Wir sprachen davon: Die Globalisierung wird Bewerber in einer Vielfalt der Herkunft zusammen kommen lassen, wie wir uns das heute noch nicht recht vorstellen wollen. Die Globalisierung wird Arbeitsplätze – sofern es sich um qualifizierte Arbeit handelt - dort generieren, wo hinreichend viele dafür qualifizierte Menschen leben. Die Globalisierung wird die Abnahme von Waren noch weiter beschleunigen, die intelligent entwickelt sind: Neues in guter Qualität und zu einem angemessenen Preis. Und das schaffen nur die Besten.

Die Entwicklung läuft massiv in diese Richtung, ob uns das gefällt oder nicht. Aber wir sitzen heute da – schon 32 Tage nach der Wahl – und warten darauf, dass die Ideologen, die das Koalitionsgerangel siegreich überstehen, vor unseren Augen endlich den Inhalt der Wundertüte „Schule und Bildung“ ausleeren.

Man wird sehen, auf welches neue Muster hin umgebaut wird. Hauptsache: Nach dem Prinzip „Gleiches für alle“.
- Grotesk!

Wolfgang Klipp im Juni 2010 für SchuleundWirtschaft.de