Dienstag, 20. Juli 2010

Ein Einwand

Es gab da einen Einwand, in meinem Blog „Schulkampf – ´wie bestellt`?“ vom 14.07. hätte ich zu stark darauf abgehoben, der rot-grünen Koalition in NRW gehe es bei ihrer Schulreform unzweideutig um die Einheitsschule.

Ein solcher Einwand erstaunt mich in mehrfacher Hinsicht.
Zunächst literarisch: Sollte Homers Sage vom trojanischen Pferd denn gänzlich in Vergessenheit geraten sein?
Sollte z. B. Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ von 1958 seinen Untertitel: „Ein Lehrstück ohne Lehre“ wirklich zu Recht tragen und zudem gar nicht mehr aufgeführt oder gelesen werden?
Die Schüler der Klassenstufe 9, mit denen ich in den siebziger Jahren am Görres-Gymnasium in Düsseldorf dieses Stück gelesen und an einem Elternabend auch aufgeführt hatte, werden sich sicherlich ihr Urteil gebildet haben über `Herrn Biedermann´, der letztlich untätig zusieht, wie sich zwei finstere Gestalten in seinem Haus einnisten und auf dem Dachboden Explosives und Zündschnüre ansammeln. (Biedermann: Ist wirklich Benzin in diesen Fässern? Eisenring: Sie trauen uns nicht? Biedermann: Ich frag ja nur.“)

Nun ja, schließlich war es Frisch selbst, der die kritische Frage stellte: «Was vermag Literatur überhaupt?»
Deshalb erstaunt mich der Einwand mehr noch in allgemein-politischer Hinsicht.
Ein Redakteur der RP befasst sich am 20.7. zunächst mit der Hamburger Schulreform und schreibt dann: „Anders in NRW: Längeres gemeinsames Lernen ist hier laut Koalitionsvertrag nur (wie bisher) in der Gesamtschule und in der neuen Gemeinschaftsschule vorgesehen.“
Das klingt als habe die Koalition nur im Sinn, den in NRW bestehenden Schulstrukturen nur eine kleine weitere hinzuzufügen. – Herzliche Grüße von `Herrn Biedermann´.

Ohne allen Hochmut erzähle ich dem genannten politischen Redakteur (altersmäßig in den frühen Dreißigern) hier gerne aus den Siebzigern des letzten Jahrhunderts.
Im Zuge der über die Jahrzehnte immer neuen Taktiken und Wege, die Einheitsschule einzuführen, hieß das Projekt damals „Schulentwicklungspläne“. Das Institut für Schulentwicklungsforschung in Dortmund unter Prof. Rolff hatte die schultheoretische Federführung des Planes, die Kommunen zu veranlassen, die Schulformen zusammenzufassen zu Stufenschulen. Das sei gerechter, ökonomischer, biete mehr Möglichkeiten der Differenzierung, alle Schulformen könnten prinzipiell darin enthalten bleiben, etc., etc. so wurde beworben.
Auch die Stadt Düsseldorf hatte einen solchen Plan von schulischen Stufen-Einheiten verfasst – sicher findet sich noch ein Exemplar zum Nachlesen in den Archiven des Schulverwaltungsamtes.
Da sollte – soweit ich mich erinnere - zum Beispiel im Gebäude des (dann nicht mehr existierenden) Görres-Gymnasiums eine reine Sekundarstufe I (für die Schüler der Region) untergebracht werden und zum Beispiel im Gebäude des (dann nicht mehr existierenden) Luisen-Gymnasiums eine reine Sekundarstufe II.
(Es mag auch umgekehrt gewesen sein; egal, wichtig ist das Prinzip, der Rest kann nachgelesen werden.)
Das war Schulpolitik und Schulreform unter dem Deckmantel städtischen ökonomisch-planerischen Handelns. Und man erkennt unschwer, dass bereits damals durch die Dezentralisierung, also die Verlagerung von letztlich schulreformerischen Entscheidungen auf die kommunale Ebene dem Ganzen der Anschein der flächendeckenden Wucht genommen wurde. Ebenso ist ein Prinzip erkennbar, das heute auch an Bedeutung gewinnt: Angesichts rückläufiger Schülerzahlen müssen Kommunen sich wirklich ernsthaft Gedanken machen, welche Arten von Schulen sie nebeneinander finanzieren wollen.
Ist es da nicht verlockend, eine Form von Schule zu wählen (in diesem Falle die „Gemeinschaftsschule“), bei der es heißt, auch der Realschulabschluss und das Abitur blieben darin prinzipiell erhalten?
Und wenn es für eine solche Schulform dann auch noch besondere Fördermittel gibt?

Auch bei der Koop-Schule (eigentlich „kooperative Gesamtschule“) am Ende der 70er Jahre ging es letztlich um eine Vorstufe der (integrierten) Gesamtschule, also um die Einheitsschule als Ziel.

Beide Projekte sind gescheitert, weil die Bürger sie mehrheitlich abgelehnt haben.
Nicht zuletzt deshalb weiß man in der Politik: Es ist tunlich, die Bürger nicht immer gleich mit den Zielen zu konfrontieren; über strategisch geschickt gewählte Zwischenschritte kommt man leichter zum Ziel.
Von Beust und die Hamburger Grünen haben dabei die Schritte zu groß gewählt, das hat sie ins Straucheln und schließlich den Kern der Hamburger Schulreform zum Scheitern gebracht.

Ich habe nicht die Fähigkeit von Herrn Biedermann, der in der Schlussszene des oben genannten Theaterstückes den Brandstiftern auch noch Streichhölzer gibt und das vor seiner Frau so rechtfertigt: „Wenn die wirkliche Brandstifter wären, du meinst, die hätten keine Streichhölzer?“

Ich denke, man sollte die Fähigkeit und den Mut haben, hinter allen Details, immer wieder – auch in so vielen Parteiprogrammen – die klar auftauchenden Ziele zu erkennen und sie klar bei ihrem Namen zu nennen.
Denn da taucht – in vielen Schattierungen und unter immer neuen Namen – unverkennbar etwas auf, das man unter Verwendung seines ehrlichen Namens - getrost „ die Einheitsschule“ nennen darf.

Und daher wundert mich der Einwand.


Wolfgang Klipp im Juli 2010