Das Interessante ist vielleicht zunächst, dass Frau Löhrmann als neue Bildungsministerin die Dinge recht deutlich beim Namen nennt.
So stellt sie sich in einem RP-Interview vom 21.7.2010 ohne Furcht vor einem Volksentscheid wie in Hamburg dar mit dem Argument: „...Unsere Reform ist ganz anders angelegt – wir setzen auf regionalen Konsens. Wir weiten lediglich Entscheidungsmöglichkeiten aus, ohne Zwang. Es wird keinen Reformschritt auf dem Weg zur Gemeinschaftsschule geben, der zentral verordnet wird. (...) Nach der Sommerpause entscheiden wir, welche Bestandteile der Schulreform wir in Gesetzesform gießen – etwa auch das Vermeiden des Sitzenbleibens und das Verbot des Abschulens.“
Da reibt man sich doch die Augen.
Die Errichtung einer bestimmten Anzahl der gewollten „Gemeinschaftsschulen“ (30 % der weiterführenden Schulen) ohne Gesetz, wesentliche Elemente der Gemeinschaftsschule sehr wohl in einem Gesetz – dann aber für alle Schulformen?
Ja, so soll das nach dem Willen der NRW-Minderheits-Landesregierung dann wohl gehen: Man regt Städte und insbesondere politisch wohlwollende und kleinere Kommunen dazu an, ihr Schulangebot auf diesem Wege scheinbar breit zu halten. Eine Schulform, die angeblich die anderen bzw. zumindest mehrere andere prinzipiell in sich enthält und die - mit der bei Reformvorhaben wie der Gesamtschule ausgeliehenen und erprobten Argumentation -finanziell und personell deutlich besser gestellt werden als die herkömmlichen Schulformen. Logisch ist das übrigens nicht nachzuvollziehen: Man steckt erst alle in eine Gruppe und gewährt dann mit dem Argument des daraus folgenden Differenzierungsbedarfs deutliche Vorteile gegenüber den Schulformen, die von vornherein strukturell differenziert sind ...
Und schon zeigen sich die ersten Folgen solchen Werbens: Sogar ein westfälischer Bürgermeister der CDU soll in bester Kirchturmpolitiker-Manier ernsthaft sein Bestreben auf die neue Reformschule für seine Kommune gerichtet haben.
Ist das „sanfte Schulreform“ oder knallhartes „divide et impera“? Schulkonferenzen und Stadträte beschließen die – von der rot-grünen Landesregierung entworfene und aus ideologisch-politischen Grundgedanken ins Leben gerufene - neue Schulform je vor Ort und die Landesregierung genehmigt über das Ministerium als Schulaufsicht diese neue Schulform als Sammlung örtlicher Schulversuche.
Bildungspolitik nach Art der Guerilla. Man hat auch schon gehört, das sei perfide.
Vor allem deswegen, weil man – in der Tat anders als in Hamburg – dagegen gar nicht in der Form von Volksbegehren oder Volksentscheid vorgehen kann.
Es gibt ja kein Gesetz, keine geschlossene Reformfront – nur lokale `Versuche´.
Und so kann Frau Löhrmann auf die Interview-Frage der RP, ob damit der Schulkrieg nicht nur in die Kommunen verlagert werde, getrost antworten: „Wir wollen keinen Schulkrieg. Und vor Ort wird es ihn auch nicht geben. Das wird pragmatisch entschieden. Wenn wir nicht handeln, müssen viele Schulen schließen. Das wollen wir nicht.“
Ich denke, dass es vor Ort doch zahlreiche Schulkriege geben wird. Aber sie werden – nach ersten Aufgeregtheiten - überregional kaum wahrgenommen werden: Die Schulreformdebatte im Sauerland im Aufmerksamkeitsrang einer Theaterpremiere in Bochum, des Vorlesewettbewerbs in Bocholt oder eben des in China umfallenden Sackes Reis.
Und die wirklichen Baustellen auf dem Weg zu besseren Schulen?
Die Intensivierung früher - und danach durchgehend forcierter - Förderung aller Lernniveaus,
die Verkleinerung der Lerngruppen, die flächendeckend erfolgende Intensivierung und Vernetzung der schulischen Arbeit durch die Schulpsychologie und Sozialarbeit, die permanente fachliche, didaktische und methodische Fortbildung der Lehrer, die umfassende Förderung ökonomischer Bildung der Lehrer und Schüler, die weitere Gewährleistung von Qualitätsniveaus im nationalen und im internationalen Vergleich, etc. etc. ?
Solche Problemebenen scheinen den Ideologen hoffnungslos nachrangig, ja geradezu gleichgültig zu sein.
Statt dessen will man schon mal Elemente der neuen Gemeinschaftsschule per Gesetz für die – wie wohl beabsichtigt – nur noch einige Zeit existierenden bisherigen Schulformen verordnen: Kein Sitzenbleiben, kein Schulwechsel auf eine leichtere Schulform für schwache Schüler, keine Kopfnoten, etc.
Sollen sich die `alten Schulformen´ - so lange es sie noch gibt – schon mal gewöhnen an die Ziele und inneren Strukturen der neuen Gemeinschaftsschulen...
Und wen stört es eigentlich, dass der Name „Gemeinschaftsschule“ für eine politisch neu zu installierende Schulform gar nicht zur Verfügung steht, weil dieser Begriff lt. Artikel 12 der Verfassung des Landes NRW rechtlich belegt ist: „Hauptschulen sind von Amts wegen als Gemeinschaftsschulen zu errichten.“ (Damit ist eine Unterscheidung von Bekenntnisschulen gemeint.)
In Abwandlung eines bekannten Satzes aus der ehemaligen DDR formulierte ein Kollege den politischen Schulreform-Impetus der gegenwärtigen Minderheits-Landesregierung in NRW so: `Die Schulreformen in ihrem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf.´
- Fatal, wenn es dieses Mal stimmen würde!
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