Bundespräsident Christian Wulff hat am 3. Oktober 2010 in Bremen - zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit – gesagt: „... der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“
Und am 19.Oktober 2010, in Ankara, vor der Großen Nationalversammlung der Türkei hat er gesagt: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei.“
Diese beiden Äußerungen haben – zusammen mit ihren Kontexten – breite und intensive Debatten ausgelöst und verschiedenste Meinungen dazu evoziert.
Je länger und je tiefer man über das betroffene Themenfeld nachdenkt, desto mehr merkt man, dass Bildung – sogar eine recht breite - erforderlich ist, um Antworten zu finden auf ganze Fragenbündel, die sich hier unmittelbar auftun...
Diesem Satz stimmen Sie zu?
Wenn ich aber gesagt hätte: „Es sind viele Kompetenzen nötig, um ...“. Hätten Sie dann auch zugestimmt?
Einer wachsenden Zahl von erziehungswissenschaftlich und bildungswissenschaftlich tätigen Hochschullehrern gilt diese Begriffsdifferenz keineswegs als gleichwertig, und sie ist ihnen schon gar nicht gleichgültig.
Die Kritik an den inhaltlichen Bildungs-Reformen, die seit PISA forciert wurden, und vor allem die Abkehr von „Bildung“ als Ziel - hin zu etwas Neuem, das mit „Kompetenzorientierung“ benannt wird, wächst stetig, und warnende Stimmen werden immer lauter.
Zuletzt sehr deutlich auf einem Kongress in Köln, bei dem sich – nach den „Frankfurter Einsprüchen gegen die technokratische Umsteuerung des Bildungswesens von 2005 – nunmehr ein Verein mit dem Namen „Gesellschaft für Bildung und Wissen“ gründete.
Die Warnungen der Referenten dieser Veranstaltung gingen einvernehmlich in die Richtung, dass `Kompetenz-´ und `Outputorientierung´ - verbunden mit dem Glauben an die umfassende Aussagefähigkeit von standardisierten nationalen und internationalen Tests – nur Teilbereiche von dem wiederspiegeln können, was das eigentliche Ziel von Erziehungs- und Bildungsprozessen ist.
Insbesondere emotionale, ethische und soziale Fähigkeiten, der beständig wachsende Aufbau einer individuellen Lernkultur und Kultur, Meinungen und Kritik auf der Basis einer Metaebene, u. a. blieben im Rahmen der Testverfahren und der daraus gebildeten Rankings so gut wie unbeachtet – so der Vorwurf.
Auch die Eigenschaft breiten Wissens, vor allem zunächst nur Voraussetzung zu sein für analytische und synthetische Verstandestätigkeiten, schließlich für umfassende Urteilsbildung, blieben auf den Fotoplatten der Wissens- und Kompetenztester sozusagen unterbelichtet.
Vor allem aber fehle es den kompetenzorientierten Bildungskonzepten am Verständnis dafür, dass Bildung ein Begriff ist, der etwas Ganzheitliches meint; etwas, das nur als gelingendes Zusammenspiel seiner Teile diesen Namen verdient: Das Können, auf der Sachebene Passendes zusammenzufügen wie auch das Zusammenwachsen eines organischen Ganzen auf der Seite der Person.
Dass von einigen Kritikern dabei der Wirtschaft unterstellt wird, sie unterstütze mit ihren Forderungen an die Ziele von Schule und Hochschule einen Typus von Absolventen, für den es das - eben nur scheinbar - Beste sei, in mehrfacher Hinsicht `markttauglich´ zu sein, soll hier nicht verschwiegen werden.
Mein Interesse hier aber ist es, am Beispiel zu prüfen, ob für die Beurteilung und zureichende Beantwortung wesentlicher Fragen bereits `Kompetenzen ´ hinreichen oder ob es doch der umfassender gedachten `Bildung´ bedarf.
Kommen wir dazu zurück auf die beiden Sätze des Bundespräsidenten.
1. „... der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“
Was muss man – um dieser vom Bundespräsidenten getroffenen Verbindung zuzustimmen - wissen über den Islam, über seine gesellschaftlich-politische und seine religiöse Bedeutung?
Was muss man wissen über seine Historie und seine wichtigsten gegenwärtigen Ausprägungen?
Was muss man wissen über Deutschland – politisch, historisch und vor allem über das gegenwärtige Verständnis von Ethik und Religion?
Was muss man wissen über die Kompatibilität von Grundsätzen des Islam mit den Grundsätzen unserer Verfassung?
Was bedeutet hier das Verb „gehören zu“? – Ist das so wie bei der Feststellung: `Zum Winter gehört Schnee´, oder wie bei: ` Stau gehört zur Autobahn´?
Stellt das Wort „auch“ den Islam gleichberechtigt neben anderes, und wenn ja, in welcher Hinsicht?
Was rechtfertigt die Einschätzung, es sei „inzwischen“ so?
Entscheidend in unserem Kontext aber ist: Braucht man zur Beantwortung dieser – und vieler weiterer hier relevanter - Fragen eine umfassende, vernetzte Bildung, oder reicht eine gewisse Anzahl einzelner Kompetenzen?
2. „Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei.“
Was muss man – um dieser vom Bundespräsidenten getroffenen Verbindung zuzustimmen - wissen über die Türkei, über ihre gesellschaftlich-politische und über ihre religiöse Geschichte?
Was muss man wissen über das Christentum in der Türkei, seine Historie auf diesem Territorium und seine gegenwärtigen Existenzbedingungen dort?
Was muss man wissen über den Islam und die Scharia in ihrem Anspruch gegenüber anderen Religionen?
Was rechtfertigt die Feststellung, dies sei „zweifelsfrei“ so; und teilt die Türkei diese Sichtweise?
Und ist das ein anders Verständnis von „gehört zu“, wenn man im einen Fall „inzwischen“ und im anderen Fall „zweifelsfrei“ hinzufügt? - Das wird doch gewiss im Falle solcher Leitsätze in zwei korrespondierenden Reden des Bundespräsidenten nicht eine zufällig oder beliebig so getroffene Wortwahl gewesen sein.
Auch hier aber ist das in unserem Kontext Entscheidende: Braucht man zur Beantwortung dieser Fragen die kritische Urteilsfähigkeit des Gebildeten oder reicht das, was standardisierte Tests an Kompetenzen abprüfen können, um diese und die zahlreichen weiteren Fragen zu Satz zwei des Bundespräsidenten beantworten zu können?
Und generell ist die Frage, ob es reicht, wenn man zum „Zeitalter der Aufklärung“ etwas sagen kann, was man wohlfeil beim Nachschlagen im Lexikon oder im Internet finden kann oder bedarf es der - in breite Bildung gebetteten- einordnenden Sicht, um den gewaltigen Umbruch zu verstehen, den der geistige und über so viele Jahrzehnte laufende Prozess der Aufklärung bis heute auf den Weg in unsere mitteleuropäische Gesellschaft gebracht hat?
Kann man sich begnügen mit dem Aussprechen von Zitaten wie „Wage es, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ oder sollte man die Dimensionen von Freiheit und Verantwortung, die (u.a.) darin liegen, erst wirklich verstehen?
Kann man Begriffe wie „Mündigkeit“, „Menschenrechte“, „religiöse Toleranz“, „Trennung von Kirche und Staat“ aussprechen wie in einem abgelesenen Referat oder muss man erst verstehen, welche immensen neuen Horizonte (Chancen wie Risiken) sich dem Individuum eröffnen, wenn es die Entscheidungsverantwortung nicht mehr der es umgreifenden Gesellschaft überlassen kann, sondern wenn es selbst – und ganz allein – Entscheidungen zu treffen und zu verantworten hat?
Ich finde, die Menschen mutig, die etwa `bei Maischberger´ oder in anderen Rederunden der Öffentlichkeit ihre Meinung kundtun zum Schlagwort „Integration“, denn ich bin sicher nicht der Einzige, der voraussetzt, dass sie dies nur tun, wenn sie zumindest annähernd im Besitz oben skizzierter Bildung sind – oder gibt es doch zu viele leichtfertige Selbstdarsteller (und Moderatoren) im Fernsehen..?
Für die Schulen und ihre Schüler jedenfalls sollten wir wirklich darauf dringen, dass die gegenwärtig vorherrschende pädagogische Meinung, das Testen der Ergebnisse von kompetenzorientierten Lehrplänen sei hinreichend als Kontrolle des `Outputs´, stets ergänzt wird durch die Forderung, Schule habe nicht mehr und nicht weniger als „Bildung“ (und damit auch Erziehung) zu leisten - als unabdingbar zum Wesen mündiger Individuen gehörend.
Auch das ist für mich ein – bis heute gültiger – Auftrag aus dem Geist der Aufklärung.