Mittwoch, 1. Dezember 2010

Weil nicht alles `scheinbar´ so ist

„Reuters“ meldet am 24.11. das Folgende:
„Doppelmord von Bodenfelde scheinbar aufgeklärt; Die Ermittler sind sich sicher, dass ein 26-Jähriger die Teenager Nina und Tobias getötet hat.“
Und das „Handelsblatt“ lässt das zugehörige Video im „Video-News-Magazin“ unter eben diesem Titel-Text auf seiner Website laufen ( - übrigens bis heute).

Die „Süddeutsche Zeitung“ vermeidet den Widerspruch und lässt dieses Video unter dem gleichen Text laufen, tauscht aber das falsche Wort „scheinbar“ aus: „Doppelmord ... offensichtlich aufgeklärt ...“

Es geht um den Schein. Und in diesem - bezogen auf jedes Feld unserer Wahrnehmung und unseres Denkens - so wichtigen Punkt gibt uns die deutsche Sprache ein sehr differenziertes Mittel an die Hand, einen Unterschied zu machen, den der Duden so formuliert:
„scheinbar (nur dem Scheine nach); er hörte scheinbar aufmerksam zu (in Wirklichkeit gar nicht), aber er hörte anscheinend (= augenscheinlich, offenbar) aufmerksam zu“.

Man muss ihn nur kennen, diesen Unterschied!
Und da muss man leider feststellen, dass nicht nur in der Umgangssprache, sondern auch im Sprachgebrauch, etwa der Print-Medien wie auch des Fernsehens, allzu oft und unbeabsichtigt die Vokabel „scheinbar“ benutzt wird, wo „anscheinend“ gemeint ist: „Die Bayern haben scheinbar den Meistertitel abgeschrieben.“
Man wüsste schon gerne, was der Kommentator meint: Wollen die Bayern die anderen Vereine mit dem falschen Schein täuschen oder haben sie wirklich resigniert?
Und weil der Sport ja doch nur eine schöne Nebensache sein soll, mag dieses reporterliche sprachliche Unvermögen nicht ganz so wichtig sein, aber im Allgemeinen will man doch genau wissen, was das Gegenüber denkt und meint. Soll etwas eindeutig nur als Schein entlarvt werden oder will der Sprecher offen lassen, ob es so ist oder nicht?
Was meinte z. B. der Redakteur von „Zeit- online“ in seinem Artikel (vom 21.07.2010) mit der Überschrift „Merkel lacht sich davon“, wenn er schrieb: „... Die Amtsflucht der Generation Andenpakt lässt Merkel scheinbar kalt ..“?

Schnee von gestern, ob Herr Redakteur Hauke Friederichs in seiner Schule im Deutschunterricht aufgepasst hatte oder nicht. –

Keineswegs Schnee von gestern aber ist in NRW das Folgende:

Sind `Schulfrieden´ und `Schulreform von unten´ scheinbar oder anscheinend die treffenden Begriffe für die Bildungspolitik der Minderheitsregierung in NRW?
Geht es scheinbar oder anscheinend um „Schulversuche“, wenn strukturelle und substanzielle Änderungen im Schulwesen ohne gesetzliche Grundlage durchgesetzt werden?
Wollen Ministerpräsidentin Kraft und Ministerin Löhrmann scheinbar oder anscheinend auf dem Weg über die - „Gemeinschaftsschule“ genannte - neue Schulform das Erreichen des Zieles `Einheitsschule´ nur beschleunigen?
Will die Landesregierung scheinbar oder anscheinend das Gymnasium schwächen durch eine Spaltung in G8 und G9?
Ist das scheinbar oder anscheinend „Politik ... mit Augenmaß im Handeln und mit Respekt vor dem Willen ... der Bürger ...“ (Regierungserklärung), wenn der Koalitionsvertrag erklärt: „Kopfnoten beschämen Kinder“?
Hat die ehemalige Schulministerin Behler (SPD) scheinbar oder anscheinend dazugelernt, wenn sie im November 2010 in einem Artikel für „PROFIL“ schreibt: „Die Reformpädagogik hat versagt“?
Haben die bildungspolitischen Planer in NRW nun aus `Hamburg´ scheinbar oder anscheinend gelernt?
Hat die Gegenseite – in diesem Falle die CDU als der stärkste Teil der Opposition – scheinbar oder anscheinend begriffen, dass alle neuen Modelle, die der Hauptschulflucht geschuldet sind, zwar - kommunal gesehen aus demografischen und ökonomischen Gründen - einen `Verbund´ herstellen können (hier und da müssen), aber keine `Einheitsschule´?
Hat die Nach-Pinkwart-FDP scheinbar oder anscheinend eine neue Chance, auch ihre Schulmodelle der Differenzierung von Lernen - und damit auch differenziertem Fördern - zu verpflichten statt einem diffusen niveausenkenden Gleichmachen?
Ist es den Menschen im bevölkerungsreichsten Bundesland scheinbar oder anscheinend egal, dass die Zukunft ihrer Kinder und Kindeskinder im globalen Wettbewerb – ob man das will oder nicht – in überaus hohem Maße von der Qualität ihrer Bildung abhängen wird?

`Scheinbar´ oder `anscheinend´, Schein oder Sein – man wird in Politik und Medien auf die Wortwahl achten müssen.
Aber vielleicht ist es nicht schlecht, dass man sich gar nicht darauf verlassen kann, dass „scheinbar“ gemeint ist, wenn auf der Nachricht oder Meinung „scheinbar“ draufsteht, aber „anscheinend“ gemeint war.
So kommt man wahrscheinlich am ehesten dazu, über die Sache selbst nachzudenken: Ist sie Schein oder Sein? Ist es so, ist es nicht so oder ist beides noch offen?

Und auf das Selbst-Denken kommt es schließlich an! - Anscheinend, nicht scheinbar!