Bundespräsident Christian Wulff hat am 3. Oktober 2010 in Bremen - zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit – gesagt: „... der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“
Und am 19.Oktober 2010, in Ankara, vor der Großen Nationalversammlung der Türkei hat er gesagt: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei.“
Diese beiden Äußerungen haben – zusammen mit ihren Kontexten – breite und intensive Debatten ausgelöst und verschiedenste Meinungen dazu evoziert.
Je länger und je tiefer man über das betroffene Themenfeld nachdenkt, desto mehr merkt man, dass Bildung – sogar eine recht breite - erforderlich ist, um Antworten zu finden auf ganze Fragenbündel, die sich hier unmittelbar auftun...
Diesem Satz stimmen Sie zu?
Wenn ich aber gesagt hätte: „Es sind viele Kompetenzen nötig, um ...“. Hätten Sie dann auch zugestimmt?
Einer wachsenden Zahl von erziehungswissenschaftlich und bildungswissenschaftlich tätigen Hochschullehrern gilt diese Begriffsdifferenz keineswegs als gleichwertig, und sie ist ihnen schon gar nicht gleichgültig.
Die Kritik an den inhaltlichen Bildungs-Reformen, die seit PISA forciert wurden, und vor allem die Abkehr von „Bildung“ als Ziel - hin zu etwas Neuem, das mit „Kompetenzorientierung“ benannt wird, wächst stetig, und warnende Stimmen werden immer lauter.
Zuletzt sehr deutlich auf einem Kongress in Köln, bei dem sich – nach den „Frankfurter Einsprüchen gegen die technokratische Umsteuerung des Bildungswesens von 2005 – nunmehr ein Verein mit dem Namen „Gesellschaft für Bildung und Wissen“ gründete.
Die Warnungen der Referenten dieser Veranstaltung gingen einvernehmlich in die Richtung, dass `Kompetenz-´ und `Outputorientierung´ - verbunden mit dem Glauben an die umfassende Aussagefähigkeit von standardisierten nationalen und internationalen Tests – nur Teilbereiche von dem wiederspiegeln können, was das eigentliche Ziel von Erziehungs- und Bildungsprozessen ist.
Insbesondere emotionale, ethische und soziale Fähigkeiten, der beständig wachsende Aufbau einer individuellen Lernkultur und Kultur, Meinungen und Kritik auf der Basis einer Metaebene, u. a. blieben im Rahmen der Testverfahren und der daraus gebildeten Rankings so gut wie unbeachtet – so der Vorwurf.
Auch die Eigenschaft breiten Wissens, vor allem zunächst nur Voraussetzung zu sein für analytische und synthetische Verstandestätigkeiten, schließlich für umfassende Urteilsbildung, blieben auf den Fotoplatten der Wissens- und Kompetenztester sozusagen unterbelichtet.
Vor allem aber fehle es den kompetenzorientierten Bildungskonzepten am Verständnis dafür, dass Bildung ein Begriff ist, der etwas Ganzheitliches meint; etwas, das nur als gelingendes Zusammenspiel seiner Teile diesen Namen verdient: Das Können, auf der Sachebene Passendes zusammenzufügen wie auch das Zusammenwachsen eines organischen Ganzen auf der Seite der Person.
Dass von einigen Kritikern dabei der Wirtschaft unterstellt wird, sie unterstütze mit ihren Forderungen an die Ziele von Schule und Hochschule einen Typus von Absolventen, für den es das - eben nur scheinbar - Beste sei, in mehrfacher Hinsicht `markttauglich´ zu sein, soll hier nicht verschwiegen werden.
Mein Interesse hier aber ist es, am Beispiel zu prüfen, ob für die Beurteilung und zureichende Beantwortung wesentlicher Fragen bereits `Kompetenzen ´ hinreichen oder ob es doch der umfassender gedachten `Bildung´ bedarf.
Kommen wir dazu zurück auf die beiden Sätze des Bundespräsidenten.
1. „... der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“
Was muss man – um dieser vom Bundespräsidenten getroffenen Verbindung zuzustimmen - wissen über den Islam, über seine gesellschaftlich-politische und seine religiöse Bedeutung?
Was muss man wissen über seine Historie und seine wichtigsten gegenwärtigen Ausprägungen?
Was muss man wissen über Deutschland – politisch, historisch und vor allem über das gegenwärtige Verständnis von Ethik und Religion?
Was muss man wissen über die Kompatibilität von Grundsätzen des Islam mit den Grundsätzen unserer Verfassung?
Was bedeutet hier das Verb „gehören zu“? – Ist das so wie bei der Feststellung: `Zum Winter gehört Schnee´, oder wie bei: ` Stau gehört zur Autobahn´?
Stellt das Wort „auch“ den Islam gleichberechtigt neben anderes, und wenn ja, in welcher Hinsicht?
Was rechtfertigt die Einschätzung, es sei „inzwischen“ so?
Entscheidend in unserem Kontext aber ist: Braucht man zur Beantwortung dieser – und vieler weiterer hier relevanter - Fragen eine umfassende, vernetzte Bildung, oder reicht eine gewisse Anzahl einzelner Kompetenzen?
2. „Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei.“
Was muss man – um dieser vom Bundespräsidenten getroffenen Verbindung zuzustimmen - wissen über die Türkei, über ihre gesellschaftlich-politische und über ihre religiöse Geschichte?
Was muss man wissen über das Christentum in der Türkei, seine Historie auf diesem Territorium und seine gegenwärtigen Existenzbedingungen dort?
Was muss man wissen über den Islam und die Scharia in ihrem Anspruch gegenüber anderen Religionen?
Was rechtfertigt die Feststellung, dies sei „zweifelsfrei“ so; und teilt die Türkei diese Sichtweise?
Und ist das ein anders Verständnis von „gehört zu“, wenn man im einen Fall „inzwischen“ und im anderen Fall „zweifelsfrei“ hinzufügt? - Das wird doch gewiss im Falle solcher Leitsätze in zwei korrespondierenden Reden des Bundespräsidenten nicht eine zufällig oder beliebig so getroffene Wortwahl gewesen sein.
Auch hier aber ist das in unserem Kontext Entscheidende: Braucht man zur Beantwortung dieser Fragen die kritische Urteilsfähigkeit des Gebildeten oder reicht das, was standardisierte Tests an Kompetenzen abprüfen können, um diese und die zahlreichen weiteren Fragen zu Satz zwei des Bundespräsidenten beantworten zu können?
Und generell ist die Frage, ob es reicht, wenn man zum „Zeitalter der Aufklärung“ etwas sagen kann, was man wohlfeil beim Nachschlagen im Lexikon oder im Internet finden kann oder bedarf es der - in breite Bildung gebetteten- einordnenden Sicht, um den gewaltigen Umbruch zu verstehen, den der geistige und über so viele Jahrzehnte laufende Prozess der Aufklärung bis heute auf den Weg in unsere mitteleuropäische Gesellschaft gebracht hat?
Kann man sich begnügen mit dem Aussprechen von Zitaten wie „Wage es, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ oder sollte man die Dimensionen von Freiheit und Verantwortung, die (u.a.) darin liegen, erst wirklich verstehen?
Kann man Begriffe wie „Mündigkeit“, „Menschenrechte“, „religiöse Toleranz“, „Trennung von Kirche und Staat“ aussprechen wie in einem abgelesenen Referat oder muss man erst verstehen, welche immensen neuen Horizonte (Chancen wie Risiken) sich dem Individuum eröffnen, wenn es die Entscheidungsverantwortung nicht mehr der es umgreifenden Gesellschaft überlassen kann, sondern wenn es selbst – und ganz allein – Entscheidungen zu treffen und zu verantworten hat?
Ich finde, die Menschen mutig, die etwa `bei Maischberger´ oder in anderen Rederunden der Öffentlichkeit ihre Meinung kundtun zum Schlagwort „Integration“, denn ich bin sicher nicht der Einzige, der voraussetzt, dass sie dies nur tun, wenn sie zumindest annähernd im Besitz oben skizzierter Bildung sind – oder gibt es doch zu viele leichtfertige Selbstdarsteller (und Moderatoren) im Fernsehen..?
Für die Schulen und ihre Schüler jedenfalls sollten wir wirklich darauf dringen, dass die gegenwärtig vorherrschende pädagogische Meinung, das Testen der Ergebnisse von kompetenzorientierten Lehrplänen sei hinreichend als Kontrolle des `Outputs´, stets ergänzt wird durch die Forderung, Schule habe nicht mehr und nicht weniger als „Bildung“ (und damit auch Erziehung) zu leisten - als unabdingbar zum Wesen mündiger Individuen gehörend.
Auch das ist für mich ein – bis heute gültiger – Auftrag aus dem Geist der Aufklärung.
Donnerstag, 21. Oktober 2010
Montag, 4. Oktober 2010
Das Prinzip Ascheberg
Das Prinzip scheint zunächst einfach und vielfältig aus der Natur bekannt: Eine Falle wird aufgebaut und dann wartet man auf Opfer.
Die Spinne zum Beispiel: Sie spannt ein Netz an strategisch günstiger Stelle und wartet auf Insekten, die in Eile, mit Blick auf vermeintlich nahe lohnende Ziele und vor allem ohne die nötige Übersicht ins Netz hineinfliegen. Auch der Rest ist bekannt: Das Insekt wird sein Versehen teuer bezahlen, der Spinne wird es zum Vorteil geraten.
Blicken wir hierzu nach Ascheberg, ich verspreche: Es lohnt sich, genauer hinzusehen!
Ascheberg, also, im Süden des Münsterlandes gelegen. Man hat dort etwa 15.000 Einwohner. Es sind 25 Kilometer bis Münster, 29 km bis Hamm, 22 km bis Ahlen (jew. von Zentrum zu Zentrum). Sitze im Gemeinderat: CDU 16, UWG 8, SPD 5, FDP 3.
Man findet drei Grundschulen, eine Hauptschule, eine Realschule und eine Förderschule. Die im hier gegebenen Zusammenhang besonders interessanten Schülerzahlen für 2008 waren: Hauptschule 232 , Realschule 484, Förderschule 98. Zu weiteren Schulformen und -stufen heißt es auf der Website der Gemeinde: „Weiterführende Schulen mit der Sekundarstufe II befinden sich in den Nachbarkommunen Werne, Lüdinghausen, Nordkirchen und Münster.“
Diese Schulstruktur wird nicht mehr lange gelten, denn man hat im April 2009 einen schulpolitischen Beschluss gefasst:
Wir führen eine „PROFILSCHULE“ ein:
„Nachdem sich in einer Elternbefragung 3/4 der Erziehungsberechtigten für die "profilschule ascheberg" ausgesprochen hat, wurde der Bürgermeister vom Rat der Gemeinde am 06.10.2009 einstimmig beauftragt, beim Schulministerium den Genehmigungsantrag zu stellen.“ (Quelle: Website der Gemeinde)
Das „Pädagogische Konzept“ ist nun aber keineswegs auf `lokalem Mist´ gewachsen, sondern man hat sich landes-schulpolitisch `beraten´ lassen: „In den letzten Monaten hat eine Gruppe, bestehend aus Schulleitern und Pädagogen aller Schulformen aus Nordrhein-Westfalen das pädagogische Konzept für eine solche Schule mit prägenden Profilen erarbeitet. Wir haben die angestrebte Schule deshalb Profilschule Ascheberg genannt.“ (Päd. Konzept, S. 6)
Die Struktur sieht im Wesentlichen so aus:
In den Stufen 5 – 8 gemeinsamer Unterricht im Klassenverband, ergänzt durch ein „Profil“ aus: Latein, Französisch, Hauswirtschaft/Technik oder Naturwissenschaften (Biologie, Chemie und Physik).
In den Stufen 9 und 10 gemeinsamer Unterricht im Klassenverband mit dem „Profilangebot“ aus: Spanisch, Niederländisch, Sport und Gesundheit, Mathematik und Informatik, Orchester oder Technik
sowie (in 9 und 10) zwei Leistungsstufen in den Fächern Deutsch, Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften.
Sog. „selbstgesteuertes Lernen“ („SegeL“) steht im Mittelpunkt und führt schon alleine deshalb durch die Jahrgangsstufen aufwärts, weil es zum Stichwort „Versetzungen“ heißt:
„In der Profilschule Ascheberg ist die Versetzung der Regelfall. Die Wiederholung einer Klasse ist nicht notwendig. Stattdessen reagiert die Schule flexibel und nachhaltig mit individueller Förderung auf kleine und größere Leistungsschwierigkeiten. Eltern haben aber das Recht, ihr Kind eine Klasse wiederholen zu lassen.“ (S. 27)
Und zu den Abschlüssen wird gesagt: „Am Ende der Klasse 10 finden die zentralen Abschlussprüfungen des Landes NRW statt. Die Profilschule Ascheberg vergibt alle Abschlüsse und Berechtigungen der Sekundarstufe I, die in Hauptschule, Realschule, Gymnasium und Gesamtschule vergeben werden ...“ (S. 27)
Und ein erstaunlicher Zusatz besagt: „Die Abschlussbedingungen werden in einer gesonderten Abschluss- und Prüfungsordnung festgelegt.“ (S. 27)
Nicht unterschlagen werden soll in diesem Zusammenhang, dass das pädagogische Konzept lang und breit ausgeführt wird und sich durchaus – wohl nicht nur für die Laien-Bildungspolitiker im Rat – als attraktiver Text darstellt.
So heißt es z.B.: „Speziell ausgebildete Förderlehrerinnen und -lehrer und sozialpädagogisch ausgebildete Fachkräfte ergänzen die Lehrerschaft, um dem besonderen Förder- und Forderkonzept gerecht zu werden.“(...) „Die Pädagogen sorgen durch schriftliche Vereinbarungen zwischen Schülern, Eltern und Pädagogen dafür, dass das Erreichen der vereinbarten Erziehungsziele gelingt.“ (...) „ Die Pädagogen nehmen alle Schülerinnen und Schüler in ihrer Individualität und Einzigartigkeit wahr und unterstützen sie in der Entwicklung zu einer selbstbewussten Persönlichkeit, die in der Lage ist, eigene Interessen zu definieren und selbstverantwortlich zu handeln; sie helfen ihnen eigene Stärken und Schwächen zu erkennen, Strategien zu entwickeln, die eigenen Ressourcen gut zu nutzen und weiterzuentwickeln.“ (...) „In der Profilschule Ascheberg wird ein Raumangebot geschaffen, das im Bereich der Klassenräume, der Teamräume und der Fachräume den Anforderungen der Teamschule und des selbstgesteuerten Lernens in der Ganztagsschule Rechnung trägt. Die Materialausstattung für Klassenräume mit zum Teil speziellem Unterrichtsmaterial wird dem Anspruch der individuellen Förderung gerecht. Um eine zeitgemäße Medienpädagogik zu gewährleisten, werden Räume mit Internet und Beamer ausgestattet. Über eine darüber hinaus gehende Ausstattung der Schülerinnen und Schüler mit Laptops soll in den Schulgremien entschieden werden, wenn ein noch zu entwickelndes Medienkonzept der Schule vorliegt.“
So weit Ascheberg, das klingt alles gut, teuer und pädagogisch ambitioniert. – Höchste Zeit, das Ganze mit Blick auf das ganze Land NRW einzuordnen:
Das Unternehmen „Profilschule“ versteht es geschickt, sich nicht als herkömmliche Gesamtschule zu verkaufen, sondern als im Rahmen des § 25 des Schulgesetzes möglichen „Schulversuch“. Und das, obwohl die ganze Sache durchaus auch als Gesamtschule hätte laufen können.
Nicht nur daher ist die „Profilschule Ascheberg“ in mehrfacher Hinsicht zunächst rätselhaft:
Wie kam es zu der o.g. Beratung durch ein `landesweites Planungsgremium´, das ja offenbar das strukturelle und pädagogische Konzept lieferte?
Wie konnte man sicher sein, Versprechungen zu pädagogisch personell aufwändigen Konzepten machen zu können?
Wie konnte man sicher sein, Versprechungen zu aufwändiger Raum- und Sachausstattung machen zu können?
So etwas konnte sich doch eigentlich erst aus der - von der Ministerin jüngst verkündeten - krassen Bevorzugung der Gemeinschaftsschulen ergeben.
Im Ganzen: Wie konnte das Ganze im Vorgriff so gut passen zu den Reformen der rot-grünen Minderheitsregierung, die - nach Ausweis der Parteiprogramme - über die Zwischenstufe einer gewünschten Zahl von sog. „Gemeinschaftsschulen“ zu einer reinen `Schule für alle´ führen sollen?
War die Wahl nicht erst im Mai 2010 ?
Rätselhaft – aber nur, wenn man generell an Zufälle glaubt und gerne nur die Oberfläche betrachtet. Das Verstehen sollte m. E. beginnen bei der Existenz der im Ascheberger Konzept als Urheber und Quelle genannten Steuerungsgruppe im Land NRW („... eine Gruppe ...“), die so ein Konzept entwickeln konnte.
Wer hat dieses Gremium eingerichtet? Wann? Was war der Auftrag? Wer bestimmte die Zusammensetzung? Wer bezahlt Organisation und Spesen? Und wie kam die Verbindung zu Ascheberg zustande?
Genug der Fragen; stellen wir fest:
Offensichtlich ist für den Rat einer Kommune wie Ascheberg der Reiz sehr groß, die Vielfalt der kommunalen Schulstruktur durch ein neues Gesamt-Schulmodell nicht nur zu bewahren, sondern zu erweitern. Man folgt dem Slogan vom `gemeinsamen längeren Lernen´ und fühlt sich offensichtlich nicht gehalten, ernsthaft zu prüfen, wie es denn um die Qualität der versprochenen – und später dann vergebenen - Abschlüsse in Gesamtsystemen bestellt ist. Man wird von Kommunalpolitikern ja auch kaum erwarten können, dass sie auch nur eine der zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen und fachlichen Veröffentlichungen gelesen haben, die belegen, dass differenzierte Systeme in aller Regel bessere Ergebnisse erzielen als die, in denen die Schüler unterschiedlichster Lernniveaus in den Kernbereichen des Unterrichts zusammengefasst werden.
Vielleicht hätten zumindest die Ratsmitglieder der CDU berücksichtigen können, dass daher ihre Partei auf Landesebene auf die Verbesserung des differenzierten Schulwesens setzt.
Für zahlreiche Element des Ascheberger Konzepts bedarf es nämlich gar nicht des Gesamtschulprinzips („eine Schule der Jahrgänge 5 bis 10 für alle Mädchen und Jungen, die in der Gemeinde Ascheberg leben“), man kann jederzeit die bestehenden Schulen - so oder anders - grundlegend und erheblich verbessern.
In Ascheberg und überall anderswo.
Aber es steht wohl zu erwarten, dass es weitere `Aschebergs´ geben wird . Und die Landesregierung braucht bloß zu warten, bis weitere solcher Anträge kommen, um sie dann im Ministerium als oberster Schulaufsicht – wie angekündigt – als „Schulversuch“ durchwinken zu lassen.
Und so lehrt Ascheberg, dass die schulpolitische Realität in NRW doch nicht so einfach zu erklären ist wie mit dem Prinzip der abwartenden Spinne.
Deren Vorgehen ist – gemessen an dem, was hier abzulaufen scheint – geradezu plump.
Die Spinne zum Beispiel: Sie spannt ein Netz an strategisch günstiger Stelle und wartet auf Insekten, die in Eile, mit Blick auf vermeintlich nahe lohnende Ziele und vor allem ohne die nötige Übersicht ins Netz hineinfliegen. Auch der Rest ist bekannt: Das Insekt wird sein Versehen teuer bezahlen, der Spinne wird es zum Vorteil geraten.
Blicken wir hierzu nach Ascheberg, ich verspreche: Es lohnt sich, genauer hinzusehen!
Ascheberg, also, im Süden des Münsterlandes gelegen. Man hat dort etwa 15.000 Einwohner. Es sind 25 Kilometer bis Münster, 29 km bis Hamm, 22 km bis Ahlen (jew. von Zentrum zu Zentrum). Sitze im Gemeinderat: CDU 16, UWG 8, SPD 5, FDP 3.
Man findet drei Grundschulen, eine Hauptschule, eine Realschule und eine Förderschule. Die im hier gegebenen Zusammenhang besonders interessanten Schülerzahlen für 2008 waren: Hauptschule 232 , Realschule 484, Förderschule 98. Zu weiteren Schulformen und -stufen heißt es auf der Website der Gemeinde: „Weiterführende Schulen mit der Sekundarstufe II befinden sich in den Nachbarkommunen Werne, Lüdinghausen, Nordkirchen und Münster.“
Diese Schulstruktur wird nicht mehr lange gelten, denn man hat im April 2009 einen schulpolitischen Beschluss gefasst:
Wir führen eine „PROFILSCHULE“ ein:
„Nachdem sich in einer Elternbefragung 3/4 der Erziehungsberechtigten für die "profilschule ascheberg" ausgesprochen hat, wurde der Bürgermeister vom Rat der Gemeinde am 06.10.2009 einstimmig beauftragt, beim Schulministerium den Genehmigungsantrag zu stellen.“ (Quelle: Website der Gemeinde)
Das „Pädagogische Konzept“ ist nun aber keineswegs auf `lokalem Mist´ gewachsen, sondern man hat sich landes-schulpolitisch `beraten´ lassen: „In den letzten Monaten hat eine Gruppe, bestehend aus Schulleitern und Pädagogen aller Schulformen aus Nordrhein-Westfalen das pädagogische Konzept für eine solche Schule mit prägenden Profilen erarbeitet. Wir haben die angestrebte Schule deshalb Profilschule Ascheberg genannt.“ (Päd. Konzept, S. 6)
Die Struktur sieht im Wesentlichen so aus:
In den Stufen 5 – 8 gemeinsamer Unterricht im Klassenverband, ergänzt durch ein „Profil“ aus: Latein, Französisch, Hauswirtschaft/Technik oder Naturwissenschaften (Biologie, Chemie und Physik).
In den Stufen 9 und 10 gemeinsamer Unterricht im Klassenverband mit dem „Profilangebot“ aus: Spanisch, Niederländisch, Sport und Gesundheit, Mathematik und Informatik, Orchester oder Technik
sowie (in 9 und 10) zwei Leistungsstufen in den Fächern Deutsch, Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften.
Sog. „selbstgesteuertes Lernen“ („SegeL“) steht im Mittelpunkt und führt schon alleine deshalb durch die Jahrgangsstufen aufwärts, weil es zum Stichwort „Versetzungen“ heißt:
„In der Profilschule Ascheberg ist die Versetzung der Regelfall. Die Wiederholung einer Klasse ist nicht notwendig. Stattdessen reagiert die Schule flexibel und nachhaltig mit individueller Förderung auf kleine und größere Leistungsschwierigkeiten. Eltern haben aber das Recht, ihr Kind eine Klasse wiederholen zu lassen.“ (S. 27)
Und zu den Abschlüssen wird gesagt: „Am Ende der Klasse 10 finden die zentralen Abschlussprüfungen des Landes NRW statt. Die Profilschule Ascheberg vergibt alle Abschlüsse und Berechtigungen der Sekundarstufe I, die in Hauptschule, Realschule, Gymnasium und Gesamtschule vergeben werden ...“ (S. 27)
Und ein erstaunlicher Zusatz besagt: „Die Abschlussbedingungen werden in einer gesonderten Abschluss- und Prüfungsordnung festgelegt.“ (S. 27)
Nicht unterschlagen werden soll in diesem Zusammenhang, dass das pädagogische Konzept lang und breit ausgeführt wird und sich durchaus – wohl nicht nur für die Laien-Bildungspolitiker im Rat – als attraktiver Text darstellt.
So heißt es z.B.: „Speziell ausgebildete Förderlehrerinnen und -lehrer und sozialpädagogisch ausgebildete Fachkräfte ergänzen die Lehrerschaft, um dem besonderen Förder- und Forderkonzept gerecht zu werden.“(...) „Die Pädagogen sorgen durch schriftliche Vereinbarungen zwischen Schülern, Eltern und Pädagogen dafür, dass das Erreichen der vereinbarten Erziehungsziele gelingt.“ (...) „ Die Pädagogen nehmen alle Schülerinnen und Schüler in ihrer Individualität und Einzigartigkeit wahr und unterstützen sie in der Entwicklung zu einer selbstbewussten Persönlichkeit, die in der Lage ist, eigene Interessen zu definieren und selbstverantwortlich zu handeln; sie helfen ihnen eigene Stärken und Schwächen zu erkennen, Strategien zu entwickeln, die eigenen Ressourcen gut zu nutzen und weiterzuentwickeln.“ (...) „In der Profilschule Ascheberg wird ein Raumangebot geschaffen, das im Bereich der Klassenräume, der Teamräume und der Fachräume den Anforderungen der Teamschule und des selbstgesteuerten Lernens in der Ganztagsschule Rechnung trägt. Die Materialausstattung für Klassenräume mit zum Teil speziellem Unterrichtsmaterial wird dem Anspruch der individuellen Förderung gerecht. Um eine zeitgemäße Medienpädagogik zu gewährleisten, werden Räume mit Internet und Beamer ausgestattet. Über eine darüber hinaus gehende Ausstattung der Schülerinnen und Schüler mit Laptops soll in den Schulgremien entschieden werden, wenn ein noch zu entwickelndes Medienkonzept der Schule vorliegt.“
So weit Ascheberg, das klingt alles gut, teuer und pädagogisch ambitioniert. – Höchste Zeit, das Ganze mit Blick auf das ganze Land NRW einzuordnen:
Das Unternehmen „Profilschule“ versteht es geschickt, sich nicht als herkömmliche Gesamtschule zu verkaufen, sondern als im Rahmen des § 25 des Schulgesetzes möglichen „Schulversuch“. Und das, obwohl die ganze Sache durchaus auch als Gesamtschule hätte laufen können.
Nicht nur daher ist die „Profilschule Ascheberg“ in mehrfacher Hinsicht zunächst rätselhaft:
Wie kam es zu der o.g. Beratung durch ein `landesweites Planungsgremium´, das ja offenbar das strukturelle und pädagogische Konzept lieferte?
Wie konnte man sicher sein, Versprechungen zu pädagogisch personell aufwändigen Konzepten machen zu können?
Wie konnte man sicher sein, Versprechungen zu aufwändiger Raum- und Sachausstattung machen zu können?
So etwas konnte sich doch eigentlich erst aus der - von der Ministerin jüngst verkündeten - krassen Bevorzugung der Gemeinschaftsschulen ergeben.
Im Ganzen: Wie konnte das Ganze im Vorgriff so gut passen zu den Reformen der rot-grünen Minderheitsregierung, die - nach Ausweis der Parteiprogramme - über die Zwischenstufe einer gewünschten Zahl von sog. „Gemeinschaftsschulen“ zu einer reinen `Schule für alle´ führen sollen?
War die Wahl nicht erst im Mai 2010 ?
Rätselhaft – aber nur, wenn man generell an Zufälle glaubt und gerne nur die Oberfläche betrachtet. Das Verstehen sollte m. E. beginnen bei der Existenz der im Ascheberger Konzept als Urheber und Quelle genannten Steuerungsgruppe im Land NRW („... eine Gruppe ...“), die so ein Konzept entwickeln konnte.
Wer hat dieses Gremium eingerichtet? Wann? Was war der Auftrag? Wer bestimmte die Zusammensetzung? Wer bezahlt Organisation und Spesen? Und wie kam die Verbindung zu Ascheberg zustande?
Genug der Fragen; stellen wir fest:
Offensichtlich ist für den Rat einer Kommune wie Ascheberg der Reiz sehr groß, die Vielfalt der kommunalen Schulstruktur durch ein neues Gesamt-Schulmodell nicht nur zu bewahren, sondern zu erweitern. Man folgt dem Slogan vom `gemeinsamen längeren Lernen´ und fühlt sich offensichtlich nicht gehalten, ernsthaft zu prüfen, wie es denn um die Qualität der versprochenen – und später dann vergebenen - Abschlüsse in Gesamtsystemen bestellt ist. Man wird von Kommunalpolitikern ja auch kaum erwarten können, dass sie auch nur eine der zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen und fachlichen Veröffentlichungen gelesen haben, die belegen, dass differenzierte Systeme in aller Regel bessere Ergebnisse erzielen als die, in denen die Schüler unterschiedlichster Lernniveaus in den Kernbereichen des Unterrichts zusammengefasst werden.
Vielleicht hätten zumindest die Ratsmitglieder der CDU berücksichtigen können, dass daher ihre Partei auf Landesebene auf die Verbesserung des differenzierten Schulwesens setzt.
Für zahlreiche Element des Ascheberger Konzepts bedarf es nämlich gar nicht des Gesamtschulprinzips („eine Schule der Jahrgänge 5 bis 10 für alle Mädchen und Jungen, die in der Gemeinde Ascheberg leben“), man kann jederzeit die bestehenden Schulen - so oder anders - grundlegend und erheblich verbessern.
In Ascheberg und überall anderswo.
Aber es steht wohl zu erwarten, dass es weitere `Aschebergs´ geben wird . Und die Landesregierung braucht bloß zu warten, bis weitere solcher Anträge kommen, um sie dann im Ministerium als oberster Schulaufsicht – wie angekündigt – als „Schulversuch“ durchwinken zu lassen.
Und so lehrt Ascheberg, dass die schulpolitische Realität in NRW doch nicht so einfach zu erklären ist wie mit dem Prinzip der abwartenden Spinne.
Deren Vorgehen ist – gemessen an dem, was hier abzulaufen scheint – geradezu plump.
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